Paartherapie & Personzentrierte Beratung (GwG) 
Jennifer Angersbach

Verunsicherung in der Partnerschaft

Paartherapie

Liebe zu empfangen bedarf der Bereitschaft & des Mutes zu sein. Ergibt das für Dich Sinn? Oder funktioniert dieser Satz nur im Kontext?

In meiner Praxis für Personzentrierte Beratung und Paartherapie begegnen mir immer wieder Paare, deren Partnerschaft an Leichtigkeit verloren hat. Und so recht könne sich das manche gar nicht erklären, es habe sich nichts geändert. 

Die Gründe hierfür können zahlreich sein, zunächst gilt es also immer genau zu hören, zu beobachten und zu fühlen, was passiert ist oder was eben nicht (mehr) passiert. 

In diesem Beitrag möchte ich auf einen der vielen Gründe eingehen, auf das fehlende oder schwindenden Selbstvertrauen. Das kann sowohl einseitig auftreten, als auch beide Partner*innen gleichermaßen treffen. Nicht immer bedeuten Selbstzweifel auf der einen Seite, dass der Andere vor Selbstbewusstsein strotzt - im Gegenteil.


Zunächst beginne ich mit einer kurzen Einleitung, dann folgt ein fiktiver Dialog, bevor ich auf die 3 Aspekte eingehen, die helfen können die Verunsicherung zu überwinden. Hier wird es etwas ausführlicher: Selbstliebe, Autonomie & Selbstvertrauen. Ich werde kleine Impulse geben, die Dir helfen können, Dich zu verstehen und die Dir eine gewisse Sicherheit geben können. Bevor ich ein Fazit ziehe und die Kernaspekte wiederhole und zusammenfasse, gehe ich noch einmal auf Marlene ein, der Frau aus dem fiktiven Dialog und hoffe, Dich durch diese Struktur gut durch die Thematik führen zu können.

Zurück zu dem Satz: Liebe zu empfangen bedarf der Bereitschaft & des Mutes zu sein. Ein Mensch, der mit sich selbst nicht ganz so im Reinen ist, unzufrieden ist oder zweifelt, sehnt sich nach Liebe, Anerkennung und Bestätigung - ohne zu merken, dass das nur kurzfristig hilft und entlastet. Wenn ein Fahrradschlauch ein kleines Loch hat, hilft es kurzfristig ihn aufzupumpen, zumindest bis man Flickzeug parat hat. Ist bei Dir einfach „die Luft raus“? Oder gibt‘s in der Tat nen kleinen Riss, ein Loch im Selbstwertschlauch? 

Wenn man plötzlich an der Liebe des Partners oder der Partnerin zweifelt, obwohl er oder sie sich gar nicht anders verhält, nicht anders liebt oder unaufmerksamer ist als vorher, dann hat sich vielleicht etwas in Dir verändert. Durch die eigenen Zweifel fällt es uns nicht (mehr) so leicht, die Liebe und die Anerkennung anzunehmen und zu glauben

Wir glauben "so viel Gutes" oder diese Liebe nicht verdient zu haben. Das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Das anzunehmen, impliziert ja auch irgendwie, dass wir der Meinung sind, das sei gerechtfertigt. 

Das Problem, wenn ich mich selbst nicht mag, will ich anders sein, als ich bin. Ich verstecke mich hinter Verhaltensweisen, schütze mich mit Masken und Fassaden und versuche alles, das niemand bemerkt wie wenig liebenswert ich doch bin. Nicht immer wähle ich die richtige Maske oder den richtigen Filter. Wenn ich dann jedoch Ablehnung erfahre, beziehe ich das nicht auf meine Maske, sondern auf mich. 

Ich stehe nicht zu mir und meinen Schwächen und wenn ich an der Liebe des Anderen (grundlos) zweifle, dann sage ich nicht das, was ich denke und fühle, nämlich: 

  • "Ich bin so unsicher, ich kann irgendwie nicht glauben, dass Du das ernst meinst. Ich habe Dich nicht verdient - eigentlich habe ich überhaupt niemanden verdient. So war und ist das Gefühl, dass ich schon lange mit mir rumtrage. Ich bin nicht liebenswert und war es auch nie. Daher hinterfrage ich Deine Gefühle so oft und ich wünsche mir Geduld und hoffe, dass Du dadurch nicht auch beginnst an Dir zu zweifeln, ich muss mich wohl einfach öfter mal absichern."
  • "Ich wurde einmal so verletzt, als ich vertraut habe. Und nun fällt es mir so schwer nochmal zu vertrauen. Ich habe Angst, Angst, wenn ich Dir glaube, dass ich dann auch wieder enttäuscht werden kann... Es ist paradox und auch wenn Du es bist, den ich frage, ob das stimmt, so hast Du ja recht wenig damit zu tun."

Stattdessen machen wir dem Anderen einen Vorwurf, denn so klein, schwach und bedürftig wollen wir uns nicht zeigen. Dann könnte er uns ja verletzen. Es gegen uns verwenden. Wir müssen uns schützen und das tun wir mal, durch Vorwürfe oder durch kritisches Hinterfragen oder auch durch Zurückweisung. Dann sind wir aber eben nicht echt. Dann haben wir eine schützende Fassade, einen schützenden Filter und stoßen auf Ablehnung. Statt diese Ablehnung jedoch mit unserem Schutz in Verbindung zu bringen, fühlen wir uns abgelehnt, haben das Gefühl, dass unsere Selbstzweifel dafür sorgen abgelehnt zu werden. 

„Ich habe Angst mich zu zeigen. Ich habe Sorge zu mir zu stehen. Ich weiß, dass ich Fehler habe, wenn ich diese jedoch zeige, könnten Andere ja glauben, ich würde meine Fehler nicht sehen und mich dann kritisieren. Ich kritisiere mich lieber selbst, dass tut nicht so weh und nach außen zeige ich nur was erwünscht ist.“


Ich verstelle mich, passe mich an, bin nicht mehr authentisch, werde unzufrieden, frustriert. 

Komplimente oder positive Gefühle mir gegenüber kann ich nicht glauben, denn ich selbst bin ja nichtmal in der Lage mich anzunehmen, geschweige denn zu lieben. Oder aber ich kann sie nicht annehmen, weil ich sie dann ja auch wieder verlieren könnte oder auch, weil ich dann zugeben müsste, dass ich es verdient habe, mir das gefällt.

Liebe zu empfangen bedarf der Bereitschaft & des Mutes zu sein.

Verunsicherung in der Beziehung kann durch viele Gründe und in verschiedenen Phasen auftreten:

  1. Selbstzweifel die schon lange vor dieser Beziehung bestanden
  2. Mangel an Selbstliebe
  3. Betrug des Partners / der Partnerin
  4. Veränderungen im Außen (Geburt eines Kindes, gemeinsame Wohnung, neuer Job, Schicksalsschläge)
  5. Innere Veränderungen (Selbstreflexion, Aufarbeitung eines Traumas, psychische Erkrankungen, Selbstaktualisierung)

Bei Marlene sind es die Gründe 1 und 2, Selbstzweifel, die sie bereits ihr Leben lang begleiten, mit einem daraus resultierenden Mangel an Selbstliebe.

Marlene & Daniel

„Liebst Du mich?“, fragt Marlene als sie abends vor dem Fernseher sitzen und gemeinsam ‚Bonusfamilie’ auf Netflix schauen.


„Ist das ein Spaß? Fragst Du das wegen der Serie?“, fragt Daniel schnell, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. 

Marlene schaut nun auch in die Richtung und denkt an das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry ✨“Liebe besteht nicht darin, daß man einander ansieht, sondern daß man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt.“✨
- sie weiß gar nicht ob sie das tun und wohin er so blickt.

Sie schaut Daniel an, er ist so ein wunderbarer Mann. Er schaut solche Serien mit ihr, die meisten Typen würden das nicht machen. Er ist in so vielerlei Hinsicht so anders, er ist einfühlsam, verständnisvoll und witzig. Er besitzt diese Intelligenz, die Männer wahnsinnig attraktiv macht. Einerseits.

Andererseits fragt sie sich oft, warum er mit ihr zusammen ist. Sie fühlt sich wie ein kleines Mädchen an seiner Seite. Hat permanent ein schlechtes Gewissen und hat das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit bis er sie verlässt. 

„Nele? Ist alles okay? Was ist denn los? Natürlich liebe ich Dich! Warum hinterfragst Du das denn immer?“

„...was findest Du denn an mir?“, fragt Marlene zurück.

„Es macht mich traurig, dass ich Dir gefühlt jeden Tag beweisen und versichern muss, dass ich Dich liebe. Reicht das was ich tue nicht aus? Vertraust Du mir nicht?“

Plötzlich wird Marlene flau im Magen, auch darüber hat sie schon nachgedacht, wenn sie so weiter macht, wird er sich irgendwann abwenden. Ihr kommen die Tränen, beim Gedanken daran, wieder alleine zu sein. 

„Ich bin ganz schön anstrengend, oder?!“, sagt Marlene leise.

„Du nicht. Aber Deine Gedanken, als könntest Du nicht glauben, dass ich oder man Dich lieben könnte“, sagt er und wischt vorsichtig eine Träne fort. 

„Für immer?“, fragt sie.

Doch anstatt es zu wiederholen, küsst er sie auf ihre Stirn. 

Marlene fühlt sich bestätigt in ihrem Gefühl... Wie kann sie auch glauben, dass ein so erfolgreicher, aktiver, extrovertierter, charmanter und einfühlsamer Mann mit ihr, dem Mauerblümchen voller Selbstzweifel, zusammen sein möchte?! 

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Was hilft gegen diese Verunsicherung in der Partnerschaft?

1. Selbstliebe

(Wenn Du es nicht mehr hören kannst, lege bitte die rechte Hand auf dein Herz - einfach um Dir zu zeigen, dass es okay ist - auch wenn der Kopf gerade genervt vom Thema ist.)

Versuche mit Dir ins Reine zu kommen, statt diese Aufgabe Deinem Partner / Deiner Partnerin zu geben. Konzentriere Dich auf Deine Stärken, akzeptiere Deine Schwächen. 
Machst Du bei ihm/ihr ja auch so.

Oft gehen wir mit uns viel härter ins Gericht, als mit Anderen. Der Mensch an Deiner Seite hat sicherlich auch das ein oder andere an sich, dass Du jetzt nicht nur gut findest. Menschen die dazu neigen, sehr verunsichert zu sein, fangen jedoch an, eher ihre eigene Andersartigkeit in Frage zu stellen, insbesondere dann, wenn der Partner/die Partnerin selbst nicht so verunsichert ist. Dann kann es passieren, dass man anfängt, Eigenschaften, die man an sich selbst eigentlich okay, oder gar gut findet, abzulehnen.


Statt jedoch permanent Dinge, Merkmale und Verhaltensmuster zu bewerten, zu vergleichen und abzuwerten, lieber annehmen und die Vorteile erkennen (Gilt übrigens in jeder Beziehung): 

Vielleicht ergänzt ihr euch genau deswegen so gut?! 

Und falls es kriselt, welche Ressourcen bringen eure Unterschiede mit sich?


Versuche daher, Dich selbst auch auf Deine Eigenschaften zu konzentrieren, die Du schätzt und die Eigenschaften, mit denen Du Dich in der Tat nicht wohl fühlst anzunehmen, indem Du verstehst, warum Du so bist.

Wenn Du Dich verstehst und unabhängig von Deinem Gegenüber etwas ändern willst, frage Dich nicht wie, sondern warum?

Und frage Dich vielleicht, ob Du diese Eigenschaft oder dieses Verhalten auch dann ablehnen würdest, wenn er/sie es gut findet.

Unabhängig davon hast Du sicherlich schon einmal den Satz gehört, dass Du Dich selbst lieben musst, bevor es ein Anderer tut. Das ist Quatsch. Wenn der Mensch an Deiner Seite Dich liebt, dann ist das so - unabhängig davon, wie Du Dich selbst findest und siehst. 

Bei großen Selbstzweifeln kann es allerdings passieren, dass wir uns von unserem Gegenüber permanente Anerkennung und Liebe wünschen, seinen/ihren Worten und Gesten aber nicht glauben, weshalb er/sie diese immer wieder wiederholen müsste. Geschieht das nicht, sind wir frustriert, verunsichert und zweifeln noch mehr. 

Die Aufgabe Deines Partners oder Deiner Partnerin ist allerdings nicht, dass er/sie Deinen Mangel ausgleicht. Bei fehlender Selbstliebe spreche ich deswegen von einem Mangel weil ihr Ursprung oft in der Kindheit liegt: In einer Zeit in der Du bedingungslose Liebe und Zuwendung hättest erfahren sollen, was jedoch Deinen Eltern oder vielleicht auch nur einer wichtigen Bezugsperson nicht möglich war. Dir wurde das Gefühl vermittelt, nie gut genug zu sein. Und wenn Du nun versuchst Dir diese bedingungslose elterliche Liebe in Beziehungen zu holen kann das ein hohes Konfliktpotenzial mit sich bringen, denn eine gesunde Partnerschaft findet auf Augenhöhe statt. Natürlich kann es mal Phasen geben, in der man mehr auf den Anderen oder die Andere angewiesen ist, in der man mal mehr zweifelt, oder sehr suchend ist, sich klein fühlt. Wenn das jedoch nicht wechselseitig ist, sondern sehr einseitig ist, wird diese Beziehung vermutlich scheitern, sobald der vermeintlich "bedürftigere Part" nicht mehr bedürftig ist.

In der Kindheit und in der Beziehung zu den Eltern, handelt es sich nicht um eine Beziehung auf Augenhöhe und das ist auch gut so. (Natürlich ist damit kein autoritärer und hierarchischer Erziehungsstil gemeint, vielmehr ist klar, wer auf wen aufpasst, wer für wen wie lange und wie viel Verantwortung übernimmt, wer wessen Bedürfnisse befriedigt, usw.)

Deine Eltern haben Dich vielleicht überfordert, in dem sie Dir eine Verantwortung für ihr Leben gegeben haben. Oder/und sie haben Dich vernachlässigt und Deine Bedürfnisse nicht gestillt. Oder sie haben Dich für ihre Bedürfnisse benutzt...

Wenn dieser Mangel an Liebe & Zuwendung vorhanden ist, dann ist es wichtig Dich nachzunähren und zu lernen für Dich selbst zu Sorgen, Dich für Deine Bedürfnisse einzusetzen und Dich zu lieben. 

Es ist ungerecht und furchtbar traurig, dass Dir das in der Kindheit vorenthalten wurde, allerdings kann diese Aufgabe, jetzt da Du Erwachsen bist, von niemand Anderem übernommen werden, außer von Dir selbst. 

Wenn Du jedoch versuchst diesen Mangel durch Deine Partnerschaft auszugleichen, zu kompensieren, wirst Du Dich immer etwas kleiner, etwas schwächer fühlen und Deine Verunsicherung wird eher größer, als kleiner. Weil Du zu Deinem Partner oder Deiner Partnerin in einem Maße aufschaust, wie Du es zu Deinen Eltern tust, getan hättest oder gar hast. 

Das Perfide: Ein Kind dessen Bedürfnisse nicht gestillt wurden, hat auch eher gelernt, keine Bedürfnisse mehr zu haben oder/und ist absolut ratlos, wie das gehen soll. Immerhin hat es ja gelernt, dass es, wenn überhaupt, nur dann Liebe erfährt, sobald es angepasst ist und die Bedürfnisse der Eltern stillt.
Höre Dir gerne meine Podcasts zur Selbstliebe an, damit sprenge ich hier sonst den Rahmen.

2. Bleib unabhängig

Verunsicherung in einer Beziehung resultiert oft, aus einer inneren Not zu gefallen, um jeden Preis oder aus Angst vor Verlust - diese Art von Abhängigkeit ist nicht freiwillig.
Um dem entgegenzuwirken ist es hilfreich, auch mal hier und da etwas nur für Dich zu tun, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was Du tust, weil Du es willst und was Du tust, weil Du glaubst es tun zu müssen. 
Verfolge auch eigene Ziele, mach Dinge für Dich - mit Freunden oder alleine. 

Also, ich wiederhole mich, weil ich es wichtig finde: Ich meine damit nicht: „Verbiete Dir das Gefühl Deinen Partner zu brauchen, weil Abhängigkeit unsexy ist.“ Mir ist bewusst, dass diese Nähe-Autonomie-Balance bei vielen eher unausgeglichen ist. 

In einer Beziehung bedarf es einer gewissen Nähe, einer gewissen Abhängigkeit, dadurch entsteht Verbindlichkeit. 

Nicht nur der „Generation Beziehungsunfähig“ tut sich schwer damit eine gesunde Balance in ihrer Partneschaft zu finden.

Dieses Spannungsfeld zwischen Nähe & Autonomie wird schon früh in der Kindheit geprägt, manche tendieren zu mehr Nähe, andere zu mehr Autonomie, das ist okay, so lange beides nichts ist, was Angst erzeugt. 
 
Angst vor Nähe, weil man sich hierfür verletzlich zeigen müsste. Angst vor Autonomie, weil man dann ja auf sich selbst gestellt ist. Angst vor Ablehnung, Enttäuschung & Verletzung, durch zu viel Nähe oder aber durch zu viel Autonomie.

  1. Nähe erfordert durchaus sich ein Stück weit anzupassen, sich zu zeigen, sich hinzugeben, Verbindlichkeit zuzulassen. Zu lieben.
  2. Autonomie hingegen, erfordert sich für sich selbst und seine Bedürfnisse einzusetzen, auch mal Ablehnung in Kauf zu nehmen, zu sein.


Je nachdem wir wir schon früh geprägt wurden und wie sicher / unsicher unsere Beziehung zu unseren Eltern war, wie sie gelebt haben und was sie uns vorgelebt haben, welche Erfahrungen wir gemacht haben, wurde auch unser Spannungsfeld geprägt.

Die Mutter, die sich dem Mann untergeordnet hat, könnte etwas Abschreckendes ausgelöst haben. Vielleicht hat sie uns sogar verbal mit auf den Weg gegeben, dass Abhängigkeit fatal sei, weil sie so unglücklich war.

Das Baby, das schreien gelassen wurde, das Kind, das nicht getröstet, sondern abgelehnt wurde, hat gelernt sich anzupassen, nicht aufzufallen, sehnt sich als Erwachsene*r nach besonders viel Nähe, passt sich an - oder umgekehrt, nach Autonomie, denn er/sie hat Angst nochmal so abhängig zu sein, Abhängigkeit bedeutet dann so viel wie ‚ausgeliefert sein‘. 

Ich könnte noch unzählige Beispiele anführen, sowohl aus der Theorie, als such aus meiner persönlichen Erfahrung oder meiner Arbeit. Vielleicht hast Du Dich schon jetzt wieder erkannt, vielleicht nicht. Wenn jedoch diese Themen etwas mit Dir machen, kann es ein Hinweis auf ein Ungleichgewicht sein und es kann sich lohnen dieses zu reflektieren.

In diesem Beitrag allerdings geht es expizit um die Angst vor Unabhängigkeit, die zur Verunsicherung in der Partnerschaft sorgt. Angst davor, etwas für Dich zu tun, weil Dein Gegenüber dann ja nicht mehr von Dir profitiert. 

Wenn ich also sage: Bleib unabhängig,  meine ich damit, dass es hilfreich ist, auch mal hier und da etwas nur für Dich zu tun: Freunde treffen, ein Buch lesen, eigene Interessen verfolgen und auch eigene Ziele unabhängig vom Partner*in setzen. Einfach mal Dich zu spüren. 

3. Selbstvertrauen

Versuche Dir vor Augen zu führen, dass egal was passiert, Du in der Lage bist für Dich selbst zu sorgen. 
Wenn Du offen für Dich, Deine Erfahrungen und den damit verbundenen Konsequenzen bist, kannst Du bewusst abwägen und Deinem Gefühl trauen. Verschließt Du Dich Dir selbst gegenüber, gibst Du das Vertrauen Anderen. Du bist ausgeliefert, verlierst den Bezug zu Dir selbst und wirst frustriert und fängst an zu zweifeln.

Erinnere Dich daran, dass es auch ein Leben vor der Beziehung gab, dass Du gemeistert hast.

Je nach Dauer der Beziehung und je nach eigener Lebensphase kann es passieren - und hier sind wir gar nicht so weit von dem Autonomie-Nähe-Spannungsfeld entfernt - dass wir das Gefühl haben, ohne unseren Partner wären wir nicht ‚lebensfähig‘.
Nicht im Sinne von: Wir sterben, wenn wir verlassen werden, eher im Sinne von: Wie soll ich das Leben denn alleine schaffen? 
Aber auch der Glaube, alleine keinen Wert mehr zu haben, alleine überfordert mit dem Leben zu sein. Alleine nicht mehr zurechtzukommen kann eine irrationale Unsicherheit auslösen und die wiederum nimmt dann ihren Lauf... es entstehen Worst-Case-Szenarios die noch mehr Verunsicherung auslösen und genau davon ablenken, was Du kannst. Ganz alleine. 

Eine Trennung fühlt sich manchmal auch so an, wie die Aussage des Arztes, dass man die Krücken nicht mehr brauche, auf die wir uns die letzten 6-8 Wochen verlassen haben. Der Arzt sagt, wir können den Fuß wieder belasten, wir selbst glauben aber noch nicht so recht daran. Wir konnten auch vorher gehen, ja, aber jetzt ist es ungewohnt, wir vertrauen noch nicht so recht, fühlen uns unsicher und wünschen uns diese Sicherheit, die uns zuvor die Beziehung gegeben hat. 

Je länger wir in einer Partnerschaft von den Fähigkeiten und auch der Liebe des Anderen profitiert haben, desto schwieriger der Gedanke, auch ohne ihn/sie klar zu kommen. Insbesondere langjährige Beziehung mit klassischer Rollenverteilung oder auch - unabhängig von der Dauer - Beziehungen die in jungen Jahren begonnen haben, aus dem Elternhaus in die erste gemeinsame Wohnung können große Ängst auslösen. 

Die schlechte Nachricht: Es gibt keinen Weg an der Trauer, der Verzweiflung und dem Schmerz vorbei. Wenn ihr euch trennt, wirst Du Dich einsam und verlassen fühlen. Du wirst traurig sein. Zweifeln.

 ...und wenn es so weit ist, dann darfst Du Dich in den Schlaf weinen. Dann darfst Du Dich ausheulen. Dann darfst Du Dich Deinem Leid hingeben. Vielleicht schläfst Du dann mit dem Fernseher ein. Vielleicht fängst Du wieder an im Bett zu lesen. Vielleicht installierst Du Tinder, vielleicht lässt Du vernachlässigte Freundschaften wieder aufleben, vielleicht gehst Du endlich wirklich mal mit Deinen Kollegen einen trinken und vielleicht verkriechst Du Dich mit Keksen & Chips in Dein Bett. 


Und jetzt: Back on Track! Ich gehe davon aus, dass Du in einer Beziehung bist, zumindest geht es hier ja nicht darum: Wie komme ich über eine Trennung hinweg, sondern was kann ich tun um meine Unsicherheit innerhalb meiner Partnerschaft zu überwinden. 


Versuche Dir vor Augen zu führen, dass egal was passiert, Du in der Lage bist für Dich selbst zu sorgen.

So viele Worte... zurück zu Marlene

Ihr Leben lang versucht sie genug zu sein und leider hat sie gelernt und erfahren, dass sie das nicht schaffen wird, nicht durch ihr sein. Geprägt von Glaubenssätzen, Aufforderungen, Werten und Normen, die nicht aus ihr heraus entstanden sind, sondern die ihr gesagt wurden, vielleicht sogar in Kombination mit Drohungen:

"Wenn Du jetzt nicht, sofort aufhörst Du zu weinen, dann setzt es was!"

"Ich dreh gleich durch! So schwer ist das doch nicht! Was stimmt bloß nicht mit Dir?!"

"Warum bist Du immer so ruhig und schüchtern? So findest Du nie Freunde!"

"Du solltest Dich was schämen!"

"Das macht man einfach nicht!"

"Jetzt sei still, ich will nichts mehr davon hören!"

Sätze, die vermutlich niemandem sonderlich fremd klingen. Sätze die in der Form oder in einer anderen Form vermutlich viele schon einmal gehört haben. Sätze die dazu führen, dass man sein sein, seine Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und seine Gefühle zunächst hinterfragt und dann zu dem Schluss kommt, dass es besser wäre, man hätte diese Merkmale, Eigenschaften, Gefühle und Wünsch nicht hätte. Man möchte anders sein, dazu gehören, Anerkennung bekommen. Geliebt werden. 

Also versuchen wir uns zu verändern, denken ganz genau nach, welche Gedanken man, wie aussprechen könnte, ohne Anderen zu missfallen. Und vermutlich finden wir nicht immer einen passenden Filter, eine passende Maske, sodass wir manchmal auch das Gegenteil von dem aussprechen was wir meinen, fühlen und denken. Wir sind verunsichert, stehen ständig unter Strom und wenn uns doch mal ein Fehler unterläuft, wir doch mal den falschen Filter verwendet haben oder uns jemand kritisiert brechen wir förmlich zusammen. Ich bin immer noch falsch? Wo ich mich so bemühe, alles gut und richtig zu machen?

Marlene fand dann wie durch ein Wunder diesen Mann, Daniel. Ein wirklich guter Mann. Er fand Marlene optisch wahnsinnig attraktiv, ihre Verunsicherung nahm er nicht wahr, bzw. interpretierte diese anders. Er fand Marlene interessant, er mochte ihre bedachte Art, sie war so einfühlsam, verstand ihn, ohne, dass er sich groß erklären musste und war so interessiert an ihm und seinen Interessen. Er konnte sein Glück kaum fassen, sie war die perfekte Frau. Wäre da nicht dieses permanente Hinterfragen seiner Gefühle. Er war davon nicht genervt, aber es belastete ihn, denn er wusste nicht, wie er ihr glaubhaft versichern konnte, was er für sie empfand.

Marlene konnte ihr Glück kaum fassen, zu Beginn der Beziehung gab sie sich wahnsinnig viel Mühe ihm zu gefallen, passte sich an und liebte ihn. Nun hat sie Angst, er könne ihr wahres Ich sehen. Ein Ich, dass sie selbst so sehr verachtet. 

Und eigentlich auch nicht. 

Eigentlich würde sie sich gerne die Erlaubnis geben sich zu mögen. Eigentlich würde sie gerne sagen und tun was sie denkt und will. Sie weiß sie was sie mag und braucht. 

Sie hat nur Angst, wenn sie ihm das zeigt, dass er sich abwendet, so wie sie es immer wieder erfahren hat. Sie hat Angst etwas zu fordern und dann als anstrengend wahrgenommen zu werden. Hat Angst über ihre eigenen Zweifel zu sprechen, um ihm dadurch sozusagen den Grund zu liefern, warum er sich trennen sollte. 

Und genau dadurch, durch die Angst vor sich selbst, fühlt sie sich von Tag zu Tag unwohler. Zweifelt an sich, an seinen Gefühlen und bei dem Gedanken an eine Trennung, bekommt sie kaum mehr Luft.

Ein Fazit

Verunsicherung in der Partnerschaft ist weit verbreitet und in einem gesundem und wechselseitigem Maße kein Problem. Manchmal haben beide sogar das Gefühl einen "besseren Fang" gemacht zu haben. Problematisch kann es allerdings werden, wenn einer immer den Part des Zweiflers bzw. eine immer den Part der Zweiflerin hat. Wenn ich aufgrund meiner Selbstzweifel an den Gefühlen des Partners zweifle, kann er oder sie mir nie wirklich genug geben. Es besteht also fortwährend eine Unzufriedenheit. Außerdem kann es den oder die Partner*in auf Dauer stark belasten und sogar eigene Zweifel auslösen: Ist meine Art zu lieben unzureichend? Tue ich wirklich so wenig? Was kann ich denn tun?

Je nach Beziehung kann es helfen offen über diese Thematik zu sprechen, denn oft ist das Problem eben nicht, dass Menschen die an sich zweifeln, nicht wissen was sie wollen, im Gegenteil, sie haben nur verlernt auf ihre eigene Stimme zu hören, denn da sind so viele Stimmen. Eigentlich haben wir ein gutes Gespür für Dinge die sich gut und richtig anfühlen und Dinge, die sich eben nicht so gut und falsch anfühlen. Eigentlich wissen wir, aufgrund eigener Erfahrungen sehr wohl, welche Entscheidung wir treffen sollten und welche nicht. Eigentlich haben wir auch ausreichend Wissen über Konsequenzen, über die Erwartungen und Wünsche von Außen. "In dem Maße, wie [...der] Mensch seiner ganzen eigenen Erfahrung gegenüber offen ist, hat er Zugang zu allen vorhandenen Daten, die in der Situation enthalten sind; nach diesen kann er sein Verhalten richten. [...] Dieses komplexe Abwägen und Ausbalancieren ermöglicht es ihm, die Handlungslinie zu entdecken, die der Befriedigung aller seiner langfristigen und seiner unmittelbaren Bedürfnisse in der gegebenen Situation am nächsten kommt." (Carl Rogers, 1973, S.124f)

Dieser Auszug soll verdeutlichen, bestärken und zur Reflexion anregen. Ein Mangel an Selbstvertrauen, geht oft mit einem Mangel an Selbstliebe und einem unfreiwilligen Abhängigkeitsgefühl Hand in Hand. Selbstliebe & Selbstvertrauen sind lebenslange Prozesse, immer wieder gilt es sich zu reflektieren, sich selbst anzunehmen und zu aktualisieren, Erfahrungen zu machen um neue oder gleiche Erkenntnisse zu generieren, denen man vertrauen kann und darf. Das Spannungsfeld der Autonomie und Nähe muss zunächst auch erst einmal reflektiert werden, wozu auch immer Du tendierst ist egal, erlaube Dir Dich zu verstehen, auch wenn es weh tut und versuche zu reflektieren, wonach Du Dich aus welchem Grund sehnst. 

Sehnst Du Dich nach Verbindlichkeit, weil Du irrationale Angst vor dem Alleinsein hast? Und ist diese Angst gar so groß, dass Du sogar bereits wärst MIT IRGENDWEM eine Verbindung einzugehen?

Ja, ich habs nicht vergessen, das hier ist das Fazit. Und weißt Du was daran besonders schön ist?! Merkst Du wie wenig Deine Verunsicherung mit den tatsächlichen Gefühlen Deines Partners oder Deiner Partnerin zu tun hat?

Verrückt oder? Ja, mir ist bewusst, es fühlt sich anders an. 

Probiere es mal aus, nur für Dich:

  1. Versuche mit Dir ins Reine zu kommen, statt diese Aufgabe Deinem Partner / Deiner Partnerin zu geben. Konzentriere Dich auf Deine Stärken, akzeptiere Deine Schwächen. 
  2. Versuche Dir vor Augen zu führen, dass egal was passiert, Du in der Lage bist für Dich selbst zu sorgen. 
    Wenn Du offen für Dich, Deine Erfahrungen und den damit verbundenen Konsequenzen bist, kannst Du bewusst abwägen und Deinem Gefühl trauen. Verschließt Du Dich Dir selbst gegenüber, gibst Du das Vertrauen Anderen. Du bist ausgeliefert, verlierst den Bezug zu Dir selbst und wirst frustriert und fängst an zu zweifeln. Glaubst Du ernsthaft, jemand Anderes außer Dir, weiß, was das Beste für Dich ist? 
  3. Versuche auch mal hier und da etwas nur für Dich zu tun, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was Du tust, weil Du es willst und was Du tust, weil Du glaubst es tun zu müssen. 
    Verfolge auch eigene Ziele, mach Dinge für Dich - mit Freunden oder alleine. Falls Du nicht weiß was, höre meine Podcasts beim Spazieren, lies Carl Rogers oder vereinbare ein Termin bei mir.

Liebe zu empfangen bedarf der Bereitschaft & des Mutes zu sein. 


Das ist das Erstaunliche, es geht nicht darum etwas zu verändern. Anders zu sein oder zu werden. Es geht nicht darum Antworten zu finden oder darum zu verzeihen... wem auch immer.

Es geht einzig und allein darum, Dir eine Erlaubnis zu geben zu sein. 


Und wenn Du bist, wie Du bist und sich ALLE abwenden, dann warst Du schon immer umgeben von Menschen die Dir nicht gut tun. Schön, dass Du nun frei bist.


Ja, naiv und auch zu einfach. Stimmt. Auf dem Weg zur Erlaubnis, brauchst Du vielleicht sehr wohl Antworten, musst durchaus dem ein oder anderen verzeihen und ggf. Dinge aufarbeiten und verstehen, aber das Ziel, die Selbstliebe, ist keine regenbogenbunte und glitzernde nebulöse Wolke, sie ist nur wie eine Tür, die Dir erlaubt zu sein und Dich zu verändern.


Podcast-Info:

011 Die Paartherapeutin - Selbstvertrauen in der Partnerschaft | Länge: ca. 28min

In dieser Folge wurde ich wieder von Nico Schmidt unterstützt, er hat die Rolle des Daniels, des Erzähler, Goethes und Rogers übernommen.  Wie wandelbar er doch ist. Ich hoffe diese kleine Abwechslung gefällt Dir.


 
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