Paartherapie, Personzentrierte Beratung & Weiterbildung
zertifiziert durch die GwG e.V. & DGfB 

Zur Selbstliebe mit Carl Rogers

Selbstliebe

Carl Rogers, der Begründer der personzentrierten Beratung und Therapie spricht in vielen seinen Büchern über seinen langen Weg zur Selbstliebe. Seine Bedingungen die Therapeuten für ihre Klienten schaffen sollten, eigenen sich, leicht umformuliert, hervorragend um sich selbst zu aktualisieren und zu lieben.

Zunächst gibt es ein paar Zitate von Carl Rogers. Im Anschluss daran, wie gewohnt, ein kleiner Dialog zur Einstimmung auf das Thema. Außerdem erkläre ich, warum es mir persönlich ein so wichtiges Anliegen ist, die Selbstliebe in die Welt zu tragen. Abschließend gehe ich auf die 3 Bedingungen für die Selbstaktualisierung nach Carl Rogers ein. Ich erkläre sie nicht nur, sondern unterlege sie mit Beispielen und praxisnahen Impulsen, die Dich dabei unterstützen und Dich auf Deinem Weg zur Selbstliebe begleiten können. 

Dieser Beitrag ist auch als Podcast erhältlich:

Die nachfolgenden Zitate wurden im Podcast von Nico-Laurin Schmidt eingesprochen.

„Ich fühle mich erwärmt und erfüllt, wenn ich die Tatsache an mich heranlassen kann bzw. wenn ich mir erlaube zu fühlen, daß mich jemand mag, akzeptiert, bewundert oder schätzt. 

Aufgrund bestimmter Umstände in meiner Lebensgeschichte ist es mir, wie ich glaube, früher sehr schwer gefallen, so etwas anzunehmen. Lange Zeit neigte ich fast automatisch dazu, positive Gefühle, die mir galten, beiseite zu wischen. Meine Reaktion war: „Wer ich? Das ist ausgeschlossen, daß du mich magst. Vielleicht gefällt dir, was ich getan habe, meine Leistungen, aber nicht ich.“ [...]

Ich glaube, daß ich weniger distanziert bin, seit es mir möglich ist, diese Gefühle der Zuneigung an mich heranzulassen. [...]

Wie viele andere habe auch ich früher befürchtet, mich in einer Falle zu fangen, wenn ich meine Gefühle zeigte. „Wenn ich ihn mag, kann er über mich herrschen.“ „Wenn ich sie liebe, versuche ich, sie zu beherrschen.“ [...]

Wie meine Klienten habe auch ich allmählich gelernt, daß es nicht gefährlich ist, zärtliche, positive Gefühle zu geben oder zu empfangen. [...]

[Ich bin] fähig geworden, Menschen mehr zu schätzen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß diese Fähigkeit ziemlich selten ist; häufig lieben wir selbst unsere Kinder nur mit dem Ziel, sie unter Kontrolle zu haben, statt sie zu lieben, weil wir sie schätzen. 

Eines der befriedigendsten Gefühle, die ich kenne - und gleichzeitig eines der wachstumsförderndsten Erlebnisse für den anderen -, habe ich, wenn ich einen anderen auf dieselbe Weise genieße wie zum Beispiel einen Sonnenuntergang. Menschen sind genauso wundervoll wie ein Sonnenuntergang, wenn ich sie sein lassen kann.“
Carl R. Rogers („Der neue Mensch“, S.30-32)

Zunächst ein kleiner Dialog zur Einstimmung:

Selbstliebe lernen

„Hallo! Kaffee oder Tee?“

„Ähm Hallo, nein Danke!“, sagt Fiona. Sie hätte schon gerne nen Kaffee, will aber keine Umstände machen.

„Wenn Du Dich kurz in die Liste eintragen könntest...?“, bitte ich sie.

„Klar!“

Sie reicht mir den Zettel der Besucherliste. 

„Nimm Platz“, sage ich und deute auf den Sessel.

„Was führt Dich her?“, frage ich.

„Ähm, na ja... ich... ich folge Dir ja auch Instagram und erkenne mich in all Deinen Geschichten wieder. Ich bin irgendwie so eine Mischung aus Marina und Lea...“, beginnt sie verunsichert.

„Also hattest Du unberechenbare Mama und das Gefühl Du seist undankbar?“, frage ich. 

„Nein!“, sagt Fiona rasch. „Ich... ich weiß nur nicht wo ich anfangen soll“, fügt sie hilflos hinzu. 

„Was beschäftigt Dich denn gerade?“

„Männer. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich bin zu viel. Ich will zu viel. Meine letzte Beziehung endete vor einem Jahr. Ziemlich genau. Ich glaube es war meine Schuld. Ich hab wirklich viel gefordert, wie viel, dass wurde mir jetzt erst bewusst. Beim Dating.“

„Du willst zu viel?“

„Na ja, ich habe zwar nicht das Gefühl zu hohe Ansprüche zu haben... aber irgendwie fühle ich mich immer irgendwie so klein neben einem Mann. Und ich wünsche mir dann, dass er mir das Gefühl gibt, eine großartige Frau zu sein.“

„Magst Du Dich?“, ziemlich direktiv die Frage, aber ich spüre diese große Not, die Verzweiflung und den Wunsch endlich mal ‚genug‘ zu sein.

Fiona lacht müde und sagt: „Ich glaube, dann würde ich nicht hier sitzen...“

„Also ist Dein Anliegen gar nicht, mit Männern klar zu kommen, sondern mit Dir selbst?“

„Ja... jein. Es würde mir schon reichen, wenn ich einen Mann mal nicht abschrecke...“, sagt sie, etwas schambehaftet.

„Weil Du dann das Gefühl hättest, zu reichen...“, ergänze ich.

„Ja.“

Ist es nicht erstaunlich, wie sehr wir uns nach Liebe sehnen und oft verzweifeln, wenn wir sie nicht bekommen? An uns zweifeln? Immer wieder lese ich, dass man sich selbst lieben muss um geliebt zu werden. Das ist so großer Quatsch!!! Ich kann es nicht oft genug betonen, aber ein Mensch ist auch dann liebenswert, wenn er sich selbst nicht liebt. Und dennoch rede ich über Selbstliebe, ja. Selbstliebe ist wichtig, aber eben nicht um von jemand Anderen geliebt zu werden. Sondern um von sich selbst geliebt zu werden. Ach, was. 

Warum empfinde ich das als so wichtig?

Selbstliebe

Es gab diese Zeit in der ich mich nicht mochte, mir die Schuld für alles gab und nach außen furchtbar viel Verständnis hatte, obwohl ich innerlich total frustriert war. Mich ungerecht behandelt gefühlt habe - von Anderen und vom Leben. Ich war so furchtbar neidisch auf all diejenigen, die irgendwas geschafft haben. Und als ich dann anfing mich mit dem Thema Selbstliebe zu beschäftigen, in der späten Pubertät, habe ich mich irgendwann auf diesen selbstverliebten Posten ÜBER ALLE gestellt. Und habe diesen Glaubenssatz verfestig und mir gesagt: Ja! Ich muss mich ja toll finden. Sonst tut es ja kein Anderer! Und siehe da: Die Welt hat angefangen mich auch anders zu sehen. Menschen haben Mich gesehen! Mich geliebt und bewundert. 

Jetzt könnte man ja meinen: Super! 
Oder sich fragen: Wie hast Du das geschafft?

Na ja, gar nicht. 
Ich habe die Selbstliebe gespielt. Ich habe so getan, als fühlte ich mich wohl. Ich wirkte stark. Brauchte keine Hilfe. Und hab gelernt: Wenn ich mich so präsentiere, so unecht und allen etwas vorspiele, dann bekomme ich die Anerkennung und Liebe nach der ich mich sehne.

Glücklicher wurde ich dadurch aber nicht, denn innerlich war ich immer noch alleine. Weil ich wusste, was niemandem sonst klar war: Das was Alle so toll finden. Die Frau die bewundert, gesehen und geliebt wird: Das bin nicht ICH. Ich war noch immer das kleine Mädchen, das sich selbst verachtet. Ich bin mit in Fußballstadien gefahren und hab so getan, als würde mich der Sport interessieren. Ich bin mit Tanzen gegangen, in zu engen Klamotten, war frech, vorlaut und wirkte unnahbar. Ich war lustig, immer auf Kosten Anderer. Meine Schauspielausbildung kam mir zu Gute. 

Aber ich war eben nicht ich. Nicht Jenni. Sondern ich war eine Illusion: Sag mir wer ich sein soll und ich bin es.

Doch in mir drin war immer diese Sehnsucht. Sehnsucht schwach sein zu dürfen. Sehnsucht danach zu sagen, was ich denke und fühle - ohne verurteilt zu werden. Sehnsucht danach geliebt zu werden, wie ich bin. Die Sehnsucht nach mir selbst. Nach Leben.

Irgendwann kam der Punkt, an dem mir genau das klar wurde und ich fasste einen Entschluss, ich werde, zunächst bei ausgewählten Personen mal genau das sagen, was ich denke und fühle. Ich werde mich nicht mehr überall nur anpassen. Ich werde versuchen zu sein, wer ich bin. 


Das war ein Prozess, immer wieder fiel ich in alte Muster zurück, tat Dinge aus Höflichkeit, lehnte Hilfsangebote ab, bot anderen immer noch meine Hilfe an, auch wenn mir dafür die Zeit fehlte. Nicht immer reagierten die Menschen nur positiv auf meine, zum Teil neuen Verhaltensweisen. 

Dennoch, es hat funktioniert... ich sammelte immer mehr „korrigierenden Erfahrungen“... ich gewann neue Freunde und verlor ein paar Freunde aus früherer Zeit.
Mittlerweile bin ich echt. Authentisch. Und ich mag mich, genau dafür:
Meine Gedanken sind nicht mehr so abwertend, so hässlich, weder mir noch Anderen gegenüber. Ich habe mir erlaubt ich selbst zu sein und das ist vermutlich mein größtes Geschenk an mich selbst. Aufgrund dieser Erfahrung, ist es mir ein so wichtiges Anliegen die Bewertungen wegzulassen... so schwierig das ist. Ich möchte so vielen Menschen wie möglich diese Erfahrung ermöglichen, die Erfahrung wie wohltuend und wundervoll es ist, bei sich zu sein und mit sich ins Reine zu kommen. Und wie genau der Mensch dann aussieht ist vollkommen egal. Es liegt eben nicht in meinem Ermessen zu beurteilen und zu bewerten was gut und richtig ist. Ich kann etwas doof finden und es dennoch akzeptieren, annehmen. Ich kann eine Meinung haben, aber muss nicht von Anderen bestätigt werden. Ich brauche keine Erlaubnis für meine Gefühle. Richtig oder falsch. Egal. 

Und genau deswegen, ist mir dieses Thema so ein großes Anliegen. Nein! Du musst Dich nicht selbstlieben, um...


Sondern: Du darfst Dich selbstlieben! 

Mit allem was dazu gehört. Und die Dinge, die Du gerade abwertest, müssen verstanden werden. Wenn man etwas versteht, ist es viel leichter es auch anzunehmen. Man muss es nichtmal bewerten. Es ist halt einfach da! Verändern durch Verstehen.

Das Fatale ist eben einfach, dass wir es einander so schwer machen. Wir haben doch nur Angst vor Bewertungen, weil unsere Bewertungen uns selbst und gegenüber Anderen manchmal so hässlich sind. Wir sehnen uns nach Liebe, fordern, fühlen uns ungerecht behandelt, schauen nach rechts und links, vergleichen, bewerten, übernehmen Maßstäbe und Ideale - ohne zu hinterfragen. Als würde es diesen Übermensch geben. Die ultimative Person, nach der ALLE streben und manche sind nah dran, andere weiter weg und wir selbst ordnen uns da auch irgendwie ein. Wir bewerten, werten ab, werten auf. Spielen vor, sind nicht echt, reagieren trotzig, misstrauen, beschützen uns, indem wir so sind wie wir glauben, dass man uns haben will und brechen dann doch immer aus. Streiten. Verachten. Kränken. Provozieren. 

Warum wir ausbrechen? Weil wir es nicht durchhalten und aushalten, jemand zu sein, der wir nicht sind.

Ich glaube, diese Herausforderung die wird immer eine Herausforderung bleiben - unabhängig davon, wie sehr wir gerade bei uns sind. Uns selbst lieben. Es wird immer Menschen geben, die Dich abwerten durch Ratschläge, durch Gags, durch direkte Belehrungen, durchs Lästern oder einfach um sich selbst, mit sich selbst besser fühlen zu lassen. 

Es wird Menschen geben die sich abwenden, Dir Egoismus vorwerfen, die Dir vorwerfen, Du seist nicht authentisch, mit Dir könne man nicht reden, Du seist verrückt oder abgehoben. Du seist zu nett oder nicht nett genug. Die Dir erzählen, wie das Leben funktioniert, die Dir sagen Du willst zu viel, oder auch Dir sagen, dass Du mal mehr erwarten darfst... 

Fun-Fact: Die gab es immer schon. Die wird es immer geben.  Es ist egal, wie Du aussiehst, Du wirst nie allen gefallen. Und es ist egal, wie sehr Du Dich selbst liebst, Du wirst nicht allen gefallen, im Gegenteil: Du wirst nur noch den Menschen gefallen, die Dir gut tun. 

Selbstliebe lernen

Hier nun die 3 Variablen oder Bedingungen von Carl Rogers und wie Du sie für Dich nutzen kannst:

1. Sei Du selbst.

Auf dem Weg zur Selbstliebe oder auf dem Weg dahin, mit sich selbst ins Reine zu kommen, befindest Du Dich gerade. Es mag daher frustrierend klingen zu hören, „sei Du selbst“, immerhin ist das ja das Ziel. Sich selbst anzunehmen und so zu sein, wie Du bist, ohne Dich abzuwerten. 

Daher versuche zunächst Dich mal zu beobachten und zu reflektieren:

Wie oft verstellst Du Dich, um zu...?

In welchen Situationen, verstellst Du Dich? Bei welchen Menschen sagst Du lieber nicht sofort was Du denkst und fühlst? Wie oft hältst Du Dich zurück? Wie oft überlegst Du bevor Du auf eine Frage antwortest, was wohl die richtige oder höfliche oder erwünschte Antwort wäre? 

Das können auch ganz banale Situationen sein. 

  • Jemand bietet Dir etwas zu trinken an, aber Du möchtest keine Umstände machen, obwohl Du Durst hast. 
  • Jemand lädt Dich ein, Du hast eigentlich keine Lust, sagst dennoch zu.
  • Jemand erzählt Dir von seinem Leid, gleichzeitig würdest Du auch gerne mal Raum bekommen, anstatt diesen einzufordern, reagierst Du innerlich genervt, gar wütend, hörst dennoch zu und bleibst still.
  • Jemand gibt Dir Ratschläge, Du fühlst Dich angegriffen, sagst dennoch danke und fügst hinzu wie wertvoll der Ratschlag ist.
  • Das Date läuft mies, dennoch antwortest Du mit „Ja, gerne!“, als er/sie fragt ob Du noch was trinken willst.
  • Jemand sagt etwas, was Dich verletzt, dennoch fragst Du nicht nach, wie er/sie es gemeint hat, sondern unterstellst, dass Deine Interpretation auch die Intention Deines Gegenübers gewesen ist. 
Selbstliebe Lernen

Manche hinterfragen auf dem Weg auch, wer sie eigentlich sind. Das ist okay und natürlich. Es geht hier vielmehr um diese Situationen im Alltag, wenn Du Dich selbst verleugnest oder gar verurteilst für das was Du denkst und fühlst.

2. Sei Dir selbst bedingungslos positiv zugewandt.

„Noch so eine Tautologie. Ich will mich selbst lieben lernen und sie schreibt lieb Dich!“
Oft glauben wir, dass wir etwas oder Jemanden nur dann lieben können, wenn der Mensch „gut“ ist. Liebenswert ist. (Was auch immer das für den Einzelnen bedeutet.) Das müsste aber dann ja heißen, das Liebe immer an Bedingungen geknüpft ist. Okay, ist sie in vielen Beziehungen durchaus. Anders, muss Dein Gegenüber perfekt sein, damit Du ihn lieben kannst? Vermutlich nicht. Warum gilt das also für Dich?

Selbstliebe

Dem Menschen, den wir lieben gestehen wir viel eher Schwäche zu, als uns selbst. Einerseits, weil wir dann da sein, helfen dürfen, stark sein dürfen und dieses Bedürfnis haben wir alle ab und zu, Männer wie Frauen, andererseits aber auch, weil die Schwäche des Anderen legitimiert, dass wir auch schwach sein dürfen. Und drittens, macht Schwäche uns nahbar und authentisch. 

Die Frau, die ihren Mann liebt und sich Sorgen um die Beziehung macht, sich nicht geliebt fühlt, die sehnt sich danach mal von ihrem Mann zu hören: Ich mache mir auch Sorgen, ich liebe Dich so sehr, Dich zu verlieren würde mir das Herz brechen. Wenn er jedoch sagt, dass sie sich besser trennen sollten, wenn sie so unzufrieden mit seiner Art zu lieben sei, dann versucht er seine „Schwäche“ zu kaschieren, tut so, als nehme ihn das gar nicht mit und die Frau wird beginnen sich zu schützen, versuchen auch so zu tun, als bräuchte sie nichts und gar sagen, na dann ists wohl besser wir trennen uns.

Selbstliebe lernen

Die beste Freundin, die immer suggeriert, ihr gehe es fantastisch, ja Corona nervt, aber sie mache das beste draus. Sie kriegt ja alles hin, hat sie ja auch immer schon. Die jede negative Aussage, jedes kleine Jammern, relativiert, dass es alles ja nicht so schlimm ist, verursacht bei der Freundin das Gefühl von: „Warum ist sie immer so stark, und ich nicht?“ Wenn uns Menschen umgeben, die immer nur positiv sind, Lösungen parat haben und niemals signalisieren: Ich leide gerade. Wir uns hingegen schon ab und zu beschweren, fühlen wir uns klein und uns wird suggeriert: Jammere‘ doch nicht, auch wenn gesagt wird: „Es ist okay, wenn es Dir gerade nicht gut geht!“ Außerdem entsteht ein Ungleichgewicht, weil wir nie für sie da sein dürfen. Sie braucht uns eigentlich nicht. 

Es geht ja darum, Dir auch dann positiv zugewandt zu sein, wenn Du gerade gescheitert bist, frustriert bist, Dinge an Dir abwertest. Und das lernen wir am besten durch Menschen, die uns auch zeigen, nicht nur sagen, dass es okay ist, wenn man mit Problemen mal nicht fertig wird. Wenn wir aber immer schon mehr mit Menschen konfrontiert waren, die unsere Schwäche (oder die eigene Schwäche) offen oder verdeckt abgelehnt haben, durch permanente Lösungsvorschläge, Aussagen wie: „Stell Dich nicht so an!“ oder auch durch eine permanente positive Einstellung, fällt es umso schwerer, die eigene Schwäche und Bedürftigkeit anzunehmen.

Wie viel Liebe brauchst Du schon, wenn Du ohnehin gerade zufrieden mit Dir bist? Stolz bist?

Selbstliebe lernen

3. Sei Dir gegenüber empathisch.

„Hä? Ich mir selbst gegenüber? Bin ich das nicht immer? Sehe ich die Dinge nicht immer aus meiner Perspektive?“

Tust Du das? Wie oft höre ich Aussagen von Menschen in meiner Praxis die mir die Perspektive Anderer erklären... „Meine Eltern wussten es vielleicht nicht besser.“ „Ich hab ja nicht ‚nein‘ gesagt!“ „Wenn ich keine Grenzen setze, darf ich mich ja nicht beschweren!“ „Ich reagiere ja wirklich sehr gereizt, ich kann meinen Mann da schon verstehen!“

Sich selbst gegenüber empathisch zu sein bedeutet, sich selbst zu verstehen und auch den Gefühlen Raum zu geben, die oft so schwer auszuhalten sind: Enttäuschung, Scham, Traurigkeit, usw.

Stattdessen konzentrieren wir uns viel lieber darauf, warum er oder sie ja nichts dafür konnte. Wir lenken von den vermeintlich unangenehmen Gefühlen ab, indem wir uns sie verbieten, weil es ja keine Absicht war, von demjenigen oder derjenigen, der/die sie verursacht hat. Denn auch das wird und wurde uns immer schon suggeriert.

„Es tut mir leid, ich verstehe Dich, aber damals war ja auch eine andere Zeit, da wusste ich es nicht besser.“

„Es tut mir leid, aber das war ja keine Absicht!“

Ja und? Wenn jemand stolpert und Dir aus Versehen ein Messer in den Bauch rammt und sich dann entschuldigt und sagt, es war ein Unfall, muss die Wunde dennoch versorgt werden. Die Absicht oder Intention spielt keine Rolle, bei einer Verletzung. Warum glaubst Du also, sollte das bei psychischen Verletzungen, anders sein, als bei physischen? 

Warum fahren wir selbstverständlich ins Krankenhaus, lassen uns gar vom RTW abholen, wenn uns jemand unbeabsichtigt verletzt. Ignorieren aber innere Verletzungen, mit der Begründung, meine Mutter wusste es nicht besser?

Selbstliebe Lernen

Und dabei geht es gar nicht darum, dass Du nun mit Deinen Eltern brechen musst, Deiner Freundin endlich mal die Meinung sagen musst oder was auch immer. Es geht einfach nur darum, dass auch Du und Deine Perspektive mal Raum bekommen. Darum, dass Deine Wunde liebevoll versorgt wird. Wie ging es Dir denn als Kind? Wie fühltest Du Dich beim dem Streit? Wie war die Situation denn für Dich? Eben ohne all die Einflüsse, dass er ja auch und dass sie ja auch... 

Wenn es Dir gelingt Dich empathisch zu verstehen, Mitgefühl für Dich selbst zu haben, ist das genau der Weg zur Selbstaktualisierung, er führt durch die Gefühle hindurch... und nicht daran vorbei.

Literatur / Quellen

Lepera, Nicole (2021): Heile Dich selbst. Arkana Verlag

Rogers, Carl R. (2015): Der neue Mensch (Konzepte der Humanwissenschaften) - Konzepte der Humanwissenschaften. 11.Auflage. Klett-Cotta.

Rogers, Carl R. (2009): Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. 17. Auflage. Klett-Cotta

Rogers, C. R. (2012). Therapeut und Klient (21. Aufl.) Frankfurt: Fischer



 
 
 
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