Paartherapie & Personzentrierte Beratung (GwG) 
Jennifer Angersbach

Beziehungsunfähig? Das Spannungsfeld zwischen Autonomie & Nähe 

Der Wunsch nach Liebe und Freiraum.

Heute geht es um Autonomie & Nähe, oder um es Marketingtechnisch etwas hübscher auszudrücken: Die Generation Beziehungsunfähig. Oder auch um Bindungsangst. Und falls Du Kinder hast, geht es um bedürfnisorientierte Erziehung und geborgen wachsen. 

Also, was erwartet Dich konkret: Zunächst gibt es eine kleine Einleitung, Behaviorismus vs. Humanismus, keine sorge, nicht länger als eine Minute und das bisschen Bildung to Go schadet ja auch nicht. 

Dann gehe ich ebenfalls sehr kurz auf die Bindungstheorie ein, lasse es mir aber nicht nehmen auch hier das Setting zur Fremden Situation kurz anzureißen und die Bindungstypen an Hand dessen zu erläutern, bevor ich mich den Schlussfolgerungen für einen erwachsenen Menschen widme. Erst kommt ein fiktiver Dialog, vielleicht überlegst Du dann selbst dabei, ob und was Dich triggert, erinnert und für welchen Bindungstypen das stehen könnte, so klar lassen sich die 4 gar nicht differenzieren.

Dann beschreibe ich die Ursachen und Folgen für einen Menschen mit einem „zu“ großen Bedürfnis nach Autonomie und einhergehender Angst vor Bindung und Abhängigkeit. 

Im nächsten Beitrag widme ich dann dem „zu“ großen Bedürfnis nach Nähe und einhergehender Angst vorm Alleinsein.

Ich möchte bereits an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich nicht beurteilen kann und will, wann das Bedürfnis ZU groß ist. Das ist absolut individuell, es gibt kein gut und kein schlecht, es sei denn, Du empfindest es so. Es sei denn Du leidest unter Deinem Bedürfnis oder Andere leiden darunter und deswegen möchtest DU etwas ändern. Es kann sein, dass Du hier dann Deinen Expartner oder Deine Expartnerin wieder erkennst und vielleicht hilft es Dir beim Verstehen und loslassen. Doch wenn Du in der Beziehung darunter gelitten hast und ihr jetzt nicht mehr zusammen seid, ist es ein Trugschluss, dass er/sie ja einfach nur heilen müsste oder / und darauf aufmerksam gemacht werden müsste, denn vielleicht ist sein / ihr Bedürfnis nur aus Deiner Sicht zu groß, Du jedoch kannst maximal beurteilen, was Du möchtest und was sich für Dich gut und richtig anfühlt. 

Wenn sein / ihr Bedürfnis nach Autonomie oder Nähe zu groß ist und war, dann tut es zwar weh, aber dann ist es ja gut, dass ihr euch getrennt habt, denn die Verletzung durch seine oder ihre Unverbindlichkeit oder eben Einengung und Vorwürfe taten ja auch weh.
Gleichzeitig kann eine Theorie, ebensowenig wie eine Diagnose einen Menschen mit all seinen Facetten und Themen abbilden, sie dient maximal dazu, gewissen Muster zu verstehen und mit Hilfe dieser Erkenntnisse kann Erleichterung einsetzen und das Verständnis, sowie die Akzeptanz helfen bei einer Veränderung - sofern diese angestrebt wird.

Abschließend widme ich mich den Möglichkeiten sich zu verändern, durch kleine Impulsfragen und Reflexionen. 

Im 3. Beitrag, dies ist wie gesagt der 1. werde ich dann übrigens explizit auf die tatsächliche Dynamik verschiedener Bindungstypen in Beziehungen, der Partnerschaft eingehe. Das Selbstliebe Dilemma trifft auf Die Paartherapeutin.

Ein Mensch wird geboren. 

Die Behavioristen gingen davon aus, ganz platt gesagt, dass man Babys und Kindern helfen muss, damit aus ihnen gute Kinder werden würden. Platt gesagt, wir werden als egozentrische Tyrannen geboren, die Welt dreht sich um uns und erst durch Erziehung werden wir zu sozialen, kooperativen Wesen. 

Der Humanismus allerdings geht davon aus, das jeder Mensch im Kern gut ist und auch danach strebt gut zu sein. Kinder sind von Natur aus kooperativ, wir müssen sie nicht formen und erziehen, sondern lediglich ideale Bedingungen schaffen, damit die Kinder sich selbst und ihre Persönlichkeit entfalten. 

Statt also ein Baby schreien zu lassen, damit es lernt sich zu benehmen, reagieren wir auf die Bedürfnisse des Kindes. 

Die Bindungstheorie besagt, dass Eltern prompt und angemessen in mindestens einem drittel aller aller Fälle auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren sollten, hier reicht häufig zunächst erstmal das Wahrnehmen und somit auch Annehmen und Akzeptieren der kindlichen Bedürfnisse, auch und obwohl wir diese gerade vielleicht nicht stillen können oder wollen. 

Dieser Theorie haben sich mittlerweile auch schnell unendlich viele Experten bedient, ich bin unsicher ob man die Anführungszeichen die ich gerade mit meinen Fingern gemacht habe hört, diese Experten werden oft abwertend als Ökomuttis, Helikoptermamas, oder auch Übermütter bezeichnet. Eine Mama die ihr Kind im Tagebuch trägt ist allerdings keine Ökomutti, sondern erkennt und stillt hierdurch das Nähebedürfnis des Kindes. Das kann jedoch auch durch andere Arten von Nähe gestillt werden. Jemanden abzuwerten, der sein Kind liebt und die Bedürfnisse des Kindes so stillt, wie es für ihn oder sie am besten passt (egal ob nun durchs Stillen oder beim Gläschen geben) ist absolut unnötig - sofern eben die Bedürfnisse des Kindes gestillt werden. 

Die Bindungstheorie besagt in KEINEM Fall und mit KEINEM Wort, stille Dein Kind bis zum 6 Lebensjahr, trage es bis zum 3. Lebensjahr, lasse es bis zur Pubertät zwischen den Eltern schlafen und bringe es in keinem Fall zur Kita. Das ist Quatsch. Prompt und angemessen beinhaltet keine konkrete Handlungsbeschreibung. Auch ohne zu stillen kannst Du das Hunger und Nähe Bedürfnis Deines Kindes befriedigen und eine sichere Bindung ermöglichen. 

Gleichzeitig gilt jedoch, wie bei jeder „guten Theorie“, die Entwicklung des Kindes und auch die Bindung des Kindes geschieht nicht einzig und allein durch das stillen sämtlicher Bedürfnisse. Bindung und bedürfnisorientierte Beziehung bedeuten nicht, dass das Kind permanent bekommen muss und soll, wonach es gerade verlangt, hierbei würde das Erlernen der Impulskontrolle und Frustrationstoleranz nicht ermöglicht und auch die Emotionsregulation sollte mit dem älter werden des Kindes nicht stellvertretend übernommen werden. Denn wichtig ist eben auch der Aspekt der authentischen Beziehung, wenn mein Kind traurig ist, weil ich mich gerade um das Essen kümmere oder ein Buch lesen und in Ruhe Kaffee trinken möchte und nicht um sein aktuelles Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dann kann ich sein Bedürfnis anerkennen ohne es zu stillen. Langfristig bin ich ein gutes Vorbild, in dem ich zeige, dass die eigenen, also auch meine Bedürfnisse, wichtig sind, das Kind lernt Frust auszuhalten, ich bin dennoch da und erkenne auch seine Gefühle wie Trauer an, indem ich ihm nicht sage, dass es nicht traurig sein darf, aber durchaus zu meinem Wort stehe, dass ich jetzt gerade eine Pause brauche. Wenn ich mich jedoch aufopfere und eigentlich kaum mehr stehen kann, genervt von ihm bin und dennoch ein Spiel spiele, bin ich nicht authentisch und mein Kind erfährt subtile Ablehnung.

So für alle die sich nun fragen ob sie aus Versehen den falschen Beitrag angeklickt haben, immerhin sollte es doch um Selbstliebe gehen und nicht um Erziehung oder deren Wissenschaften. Hier die Erklärung: Das Selbstliebe Dilemma, fängt teilweise in einem Alter an, an das wir keinerlei konkrete Erinnerungen mehr haben.


Die ersten Bindungserfahrungen. 

Diese sind so prägend und wichtig, sie wirken sich auf sämtliche Bereiche und sämtliche Beziehungen in unserem Leben aus, nicht nur auf freundschaftliche oder intime Beziehungen, auch auf die Beziehung zu uns selbst.

Gehen wir nun einmal zurück zum Baby und den Entwicklungsphasen des Kindes, zunächst bis zum Alter von 18 Monaten brauchen wir vor allem Nähe, ohne sie würden wir nicht überleben. Wir sind nicht autonom. Erst wenn unsere Motorik es zulässt können wir langsam anfangen autonom(er) zu handeln, gleichzeitig bedarf es genug Nähe und einer sicheren Bindung um neue Erfahrungen zu machen. Das lässt sich hervorragend an Kleinkindern beobachten, die in neuen Situationen immer wieder Blickkontakt zu den Bezugspersonen suchen. Sie suchen nach Bestärkung, sichern sich ab, trauen sich die Rutsche alleine hochzuklettern, weil Mama oder Papa ihnen aufmunternd zulächeln. Um uns weiterzuentwickeln und zu wachsen bedarf es auch später, im Erwachsenenalter immer wieder einer gewissen Sicherheit. 

Veränderungen und Neues ist oft mit Unsicherheit und Angst verbunden, je mehr Sicherheit wir bisher erleben durften und je größer unser Selbstvertrauen, desto größer auch unser Mut, uns auf Neues einzulassen und durch das Neue zu wachsen, zu reifen und uns selbst zu aktualisieren. Je größer oder stärker unser Urvertrauen und je sicherer gebunden wir sind, desto mehr trauen wir uns zu und desto mehr Kraft ziehen wir auch aus uns selbst. Während der zweijährige noch zu seiner Mama schaut, wenn er eine Rutsche hochklettern will, wird ein 6-jähriger einfach die Rutsche hochklettern, er hat ausreichend Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Er weiß, dass er die Rutsche problemlos hochklettern kann und keine Gefahr zu befürchten hat.

Unser Bindungsprogramm verändert sich, passt sich der Situation an, da in der Regel die Eltern sehr lange eine wichtige Rolle in einer sehr prägenden Phase spielen, haben diese Bindungserfahrungen einen sehr großen Einfluss auch auf unser Bedürfnis nach Nähe und Autonomie im späteren Leben. Genauso wie ein sicher gebundener 6-jähriger im Alter von 10 Jahren ein Trauma erleben kann und hierdurch ggf. die sichere Bindung verliert, kann auch ein desorganisiertes Kleinkind später durch eine verlässliche und zugewandte Bindung Selbstvertrauen aufbauen. 

So oder so, wird der Grundsein in unserer Kindheit gelegt und diese Erfahrungen können unsere Tendenzen im weiteren Verlauf des Lebens erklären.

Vielleicht kennst Du das „Fremden Situation“ Setting von Mary Ainsworth zur Erforschung kindlicher Bindungsmuster? Hier verlässt die Bezugsperson den Raum und kehrt kurze Zeit später zurück.

  • Sichere Bindung erkennt man daran, dass die Kinder weinen, hinter der Bezugsperson her wollen, sich nicht von einer fremden Person trösten lassen und bei der Rückkehr der Bezugsperson Körperkontakt suchen und sich schnell beruhigen. Sie verleihen ihren Gefühlen Ausdruck, sind emotional offen. Beim verlassen empfinden sie Stress, sobald die Bezugsperson da ist, nimmt der Stress ab. Die Stress- und die Emotionsregulation funktionieren.
  • Unsicher vermeidende Bindung erkennt man daran, dass die Kinder sich bei verlassen des Raumes eher unbeeindruckt zeigen, gleichzeitig bedeutet das Verlassen auch für sie erhöhten Stress, sie kompensieren und beschäftigen sich mit Spielzeug, also versuchen den Stress zu kompensieren. Kehrt die Bezugsperson zurück, wird sie eher ignoriert. Das Stresslevel ist weiterhin erhöht. Die Kinder wirken sehr unabhängig und ziehen zum Teil die Testperson der Bezugsperson vor. Man spricht dann auch von einer Pseudounabhängigkeit.
  • Unsicher ambivalente Bindung zeigt sich durch massive Verunsicherung, starke Emotionen und Wut, sobald die Bezugsperson den Raum verlässt, kehrt die Bezugsperson zurück, lassen sie sich kaum beruhigen, sie sehnen sich nach Nähe und gleichzeitig sind sie wütend auf die Bezugsperson. Es erfolgt auch hier keine adäquate Regulierung von Stress oder den Emotionen. Diese Kinder verhalten sich somit widersprüchlich-anhänglich.
  • Desorganisierte Bindung ist nicht so klar zu erkennen, die Kinder haben keinerlei Verhaltensstrategie, um mit Trennung oder eben der Rückkehr der Bezugsperson umzugehen. Sie nicht komplett überfordert, fühlen sich ohnmächtig, hilflos und erleiden einen Kontrollverlust. Unabhängig von der An- oder Abwesenheit ist ihr Stresslevel erhöht, weil von der Bezugsperson selbst eine Bedrohung ausgeht, diese gleichzeitig das überleben sichert. Die Kinder machen die Erfahrung, das egal was sie tun, alles falsch ist.

Kommen wir nun zu Daniel:

„Was führt Dich her?“, frage ich ihn.

„Ich bin beziehungsunfähig!“, antwortet er vermeintlich reflektiert und sehr klar. 

Ich bin kurz irritiert, denn in seiner Mail klang sein Anliegen eher so, als sehne er sich nach Nähe, nach seiner Ex, die sich gerade von ihm getrennt hat. Eigentlich wirkte es fast so, als sei die Beziehungsunfähigkeit seiner Partnerin sein Problem und als habe er nun starke Selbstzweifel. Daniel interpretiert mein Schweigen und meine Irritation und fügt schnell hinzu: 

„Ich habe ja eigentlich Schuld an der Trennung. Sie hat mich verlassen, weil ich zu viel Freiraum brauchte.“

„Zu viel Freiraum?“, frage ich. 

„Ja! Ich bin da einfach. Ich weiß nicht. Aber ich brauche halt niemanden. Ich muss nicht permanent in Kontakt stehen. Ich genüge mir auch selbst, bzw. Ich will ja auch den Kontakt zu meinen Freunden nicht verlieren. Ich arbeite auch viel. Ich trage da ja auch Verantwortung und ich bin oft dann zu spät gekommen, wenn wir verabredet waren... das war doof, ja, aber ich will mich halt auch nicht verlieren... Ich will mich ungern einschränken lassen. Und gleichzeitig ärgere ich mich, dass ich sie durch mein Verhalten verletzt habe.“

„Ich höre da eine große Angst raus.“

„Angst? Wovor denn?“

„Wovor hast Du denn Angst?“

„...meinst Du Angst mich zu verlieren? Ist das denn schlecht?“

„Inwiefern würdest Du Dich denn verlieren, wenn Du etwas nicht tust und Dich dann schlecht fühlst?“

Daniel schaut mich direkt an, als hätte er das Gefühl in eine Falle tappen zu können. Ich blicke auf meine Notizen. Scheinbar hilft ihm das, seine Gedanken von mir auf sich zu lenken. Als ich hoch schaue, schaut er jedenfalls leicht nach oben. 

„Wie fühlst Du Dich gerade?“

„Ganz ehrlich, ich fühle mich bedroht.“

Ich finde seinen Mut, dieses Gefühl in der ersten Sitzung auszusprechen bemerkenswert und weiß nun, dass er sich sicher fühlt. Sicher genug, so etwas auszusprechen.

„Durch mich? Oder durch Dein Gefühl?“

Er atmet tief ein und beim Ausatmen wird er immer kleiner, seine Schultern fallen nach vorne, er legt seine Arme enger an seinen Körper. 

„Liebe tut so weh...“, sagt er auf einmal. 

„Du fühlst Dich so hilflos und klein?“, frage ich.

„Ich habe das Gefühl ich hab alles verloren und noch viel Schlimmer, ich hab ja selbst schuld. Ich weiß nicht warum ich so zu ihr war.“

„Du weißt nicht warum?“

„Ja, doch, sie hat mich eingeengt und wollte mich irgendwie in Ketten legen. Also so fühlte sich das an. Meine Freunde durften schon deutlich weniger, das hab ich ja auch gemerkt.“

„Und davor hast Du große Angst? Davor eingesperrt zu werden, um Erlaubnis bitten zu müssen, klein gehalten zu werden.“

„Ja! Ist das denn nicht normal? Ist das nicht was Gutes?“

„Das fragst Du Dich?“

„Nein, ich weiß das ich nicht klein gehalten werden möchte…“

„Und das ist was Gutes“, sage ich ihn wiederholend.

„Das schon, ja. Aber die Frage ist ja, warum fühle ich mich so schnell so eingeengt und klein, oder?“

„Das fragst Du Dich, weil Du merkst, wie Du dadurch auf etwas verzichten musst.“

„Na ja, es kann ja nicht immer nur an den falschen Frauen liegen, und sie fühlt sich jetzt im Nachhinein auch gar nicht so falsch an, aber wenn ich…“, er bricht ab und schaut verlegen zu Boden. Allein das Wort auszusprechen kostet Überwindung.

„Wenn Du liebst, fühlst Du Dich so schutzlos ausgeliefert.“

„Ja, ich hätte gerne die Kontrolle.“

„Über Dich und Deine Gefühle?“

„Ja.“

„Und die hast Du nicht?“

„Nicht wenn ich liebe, dann habe ich das Gefühl ich vernachlässige alles und jeden und verliere mich selbst und wenn die Frau dann auch noch Ansprüche stellt. Ich meine ich krieg das ja alles hin. Ich will mich da gar nicht beklagen. Das ist auch nicht anstrengend, ich habe da einfach nur keine Lust drauf.“

„Keine Lust drauf der Böse zu sein?“

„Nee, das bin ich ja eh. Meine Eltern. Meine Freunde. Alle sagen mir, dass das was ich mache falsch ist oder nicht reicht…“

„Blöd bist Du eh, egal ob Du nun für Deine Freundin da bist und andere vernachlässigst oder ob Du sie vernachlässigst um für Deine Freunde da zu sein.“, wiederhole ich seine Ausführungen.

„Ja! Ich wäre halt einfach gerne mal… der Gute. Das klingt total blöd.“

„Es klingt sehr nachvollziehbar“, sage ich, berührt von seinem Wunsch.

„Aber es ist dann immer so anstrengend, weil ich nie weiß, was richtig ist. Und wenn ich dann das tue, was sich für mich richtig anfühlt, verletze ich Andere. Ich bin vielleicht einfach nicht der Typ für Beziehungen oder so. Ich verstehe einfach nicht, was Menschen brauchen…“, sagt er plötzlich.

„Was brauchst Du denn?“

„Ich? Ich brauche nicht viel. Ich… Also ernsthaft. Ich möchte halt einfach nur keine Verpflichtungen, nicht noch mehr Verantwortung… ich bin gerne da, wenn man mich braucht, ich engagiere mich gerne, ich helfe gerne, aber … ich möchte nicht irgendwelchen Ansprüchen oder Erwartungen genügen. Ich brauche auch kein Danke oder so. Aber ICH möchte halt entscheiden. Ich übernehme ja Verantwortung, also ich habe jetzt keine Angst davor, aber ich…“, er stockt.

„Du möchtest selbst bestimmen.“, fasse ich seine Ausführungen zusammen.

„Ja!“, sagt er erleichtert.

„Und sobald Du das Gefühl hast, Du MUSST der Erwartung eines anderen Menschen entsprechen, weil Du sonst abgelehnt wirst, zieht sich in Dir alles zusammen?“

„Ja, weil ich damit ja auch signalisiere, dass der Andere mir wichtig ist und dann, dann bin ich ausgeliefert“, sagt er - bedächtig und fast erschrocken über sich selbst.

„Dann kann der Andere über Dich bestimmen und Du verlierst Dich und wirst klein.“

Seine Augen werden feucht und er sagt leise: „Das klingt so doof. Aber ja, ich bin manchmal so verunsichert, ich weiß gar nicht wer oder was ich bin. Es fühlt sich, wenn ich liebe, so an, als könnte ich zerstört werden…“

„Hattest Du schon einmal das Gefühl zerstört worden zu sein?“

Daniel erstarrt, seine Augen sind auf mich gerichtet, aber er schaut mich nicht an. Er ist so versunken in seinen grausamen Erinnerungen. Plötzlich beginnt er langsam mit dem Kopf zu nicken, während die Tränen seine Wangen runterlaufen und er langsam wieder zurück kommt. Er schließt die Augen, schüttelt kurz mit dem Kopf, als wolle er die Bilder abschütteln, schaut mich an und sagt: „Ja, aber sie haben es nicht geschafft.“

Nun muss ich weinen, vor Rührung, vor Stolz.

Seine Tränen dürfen nun auch laufen, er versucht weiter zu sprechen, ich verstehe kaum ein Wort. Er wirkt so unbeholfen beim Weinen, er schluchzt, sein Bauch oder seine Brust scheinen zu schmerzen, sein Kehlkopf macht unkontrollierte Bewegungen, er verschluckt sich an der Luft, bevor er nach einem Taschentuch greift, sich die Tränen abwischt und wiederholt: 

„Die haben es nicht geschafft!“ 

Ich lächle ihn an. „Du bist da. Und Du bist in Sicherheit!“

„Ja!“, es ist eine glucksende Mischung aus Trauer und Freude.

Wenn Daniel nun nach Hause geht, die Sitzung und all das was gesagt wurde verarbeitet, wird er vielleicht seine Wort wiederholen, sein Selbstkonzept besagt, dass er ein starker, unabhängiger Mann ist, der sich selbst genug ist, der nichts braucht. Ein Mann der keine Erwartungen stellt und dadurch frei ist.

Um dieses Selbstbild aufrecht zu erhalten ist ihm jedes Mittel recht. Er verzichtet, um „frei“ zu sein. Doch wie frei kann jemand sein, der sich verbietet seinem Gefühl zu folgen? Wie frei bin ich tatsächlich, wenn meine Angst mich lenkt und kontrolliert? Wie frei bin ich, wenn ich, mich für Verletzungen die ich anderen durch mein Bedürfnis nach Autonomie zufüge, schäme?

  • Wie unabhängig bin ich, wenn ich mir nicht erlaube mich fallen zu lassen?
  • Wie stark bin ich, wenn ich Angst vor Verantwortung habe? Wie stark bin ich, wenn ich Angst vor Verbindlichkeit hab
  • Ist es nicht eher ein Zeichen dafür, dass ich sehr fragil bin, so fragil, dass ich Angst habe mich zu verlieren, wenn ich mich jemand Anderen öffnen, liebe? 
  • Angst habe, mich anzupassen, mich einem Anderen Menschen ganz zuzuwende und hingebe? Wenn ich Angst habe, dem Leben und mir selbst zu vertrauen, dass alles gut wird, auch wenn ich mir erlaube mal nicht zu kontrollieren?
  • Wenn ich Angst habe bedürftig und schwach zu sein, weil ich dadurch andere überfordern könnte, so wie mich andere überfordern. Wenn ich Angst habe dann verlassen und verletzt zu werden, so wie ich die Menschen verlassen und verletzt zurücklasse? Oder eben so, wie ich damals verlassen und verletzt wurde und scheinbar überfordert habe?
  • Habe ich nicht eigentlich Angst davor nicht genug zu sein und rede mir daher ein, dass ich genügsam bin? 
  • Und laufe ich nicht Gefahr, dass dieser Glaubenssatz zerstört werden könnte, wenn ich mit Menschen konfrontiert werde, die Erwartungen haben, weil ich dann bestätigt werden könnte, dass ich nicht reiche? Daher muss ich so lange versuchen, dass sich Andere bitte ähnlich genügsam wie ich verhalten, indem ich ihnen signalisiere, dass sie zu viel verlangen, dadurch, dass ich ihnen das nicht gebe! Oder nur mit den Menschen Kontakt habe, die eben nichts von mir erwarten?
  • Leider bin ich daran oft gescheitert. Leider habe ich es aufgegeben oder die Menschen waren nicht einsichtig genug und haben mich aufgegeben. 

Und das bestätigt mich doch? Oder?! Die Tatsache, dass sich Menschen abwenden, wenn ich mich nicht anpasse, bestätigt, dass ich nicht genug war, bin und auch niemals sein werde, oder?

Daher bin ich lieber alleine. Ich brauche niemanden. Ich bin ein starker und unabhängiger Mann. Ich bin frei. Der Preis den ich zahle ist die Nähe, die ich nie erfahren habe.

Der Wunsch nach Autonomie - Die Angst vor Nähe

Menschen die ein hohes Autonomiebedürfnis haben und selbst darunter leiden, können sowohl unsicher-vermeidend gebunden sein oder aber desorganisiert. Manchmal ist es auch eine Mischung aus den Bindungstypen. 

Bei den unsicher-vermeidend gebundenen Menschen wird ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe abgelehnt, man könne also meinen, sie stehen sich selbst im Weg. Bei den desorganisiert gebundenen Menschen wird Nähe an sich abgelehnt, weil Nähe als ein notwendiges Übel empfunden wurde und wird. In beiden Fällen können traumatische Erfahrungen wie Misshandlung oder Missbrauch dazu geführt haben. Auch psychische Erkrankungen der Eltern, massive Überforderung durch Krisen, Erkrankungen oder eigene Traumata können diese beiden Bindungstypen hervorbringen. Gleichzeitig sei an dieser Stelle gesagt, das unsere Psyche uns hervorragend schützt, teilweise bis ins hohe Alter. Die Erfahrungen werden nicht „als so schlimm“ bezeichnet: „Ja, klar! Das war früher eben so!“ oder „Ich glaube mein Vater wusste es nicht besser, aber die paar Mal, wo ich übers Knie gelegt wurde, waren ja keine Misshandlung!“ oder auch: „Meine Mutter war nun mal total überfordert, aber sie hatte es ja auch nicht leicht. Vielleicht hatte sie Depressionen oder so, ich bin ihr dennoch dankbar.“ Manche Traumata sind so sehr vergakpselt, dass wir kaum kognitive Erinnerungen an unsere Kindheit haben, es ist lediglich ein Gefühl von Traurigkeit oder Angst, dass uns ein Leben lang begleitet und daher ein fester Bestandteil der Persönlichkeit wurde.

Diese Kinder wurden schon früh alleine und sich selbst überlassen. Sie bekamen keinen Schutz oder Trost, im Gegenteil, allein ihr Bedürfnis nach Schutz oder Trost wurde abgelehnt oder bereits vor dem Entstehen im Keim erstickt. Die Bezugspersonen waren überfordert, desinteressiert, wollten ihre Ruhe oder hatten einfach keine Zeit und keine Nerven.

Nähe bedeutet Gefahr. 

Mein Bedürfnis nach Nähe bedeutet abgelehnt oder aber verletzt zu werden. In jedem Fall sorgt mein Wunsch nach Nähe für eine Enttäuschung. Mein Bedürfnis nach Nähe löst Überforderung, Ablehnung oder gar Aggression aus - sofern es überhaupt jemand hört. 

Als Kind hilft mir diese Bindung dabei zu überleben, ich passe mich hervorragend an die Gegebenheiten an, ich bin pflegeleicht bis hin zu völligen Anspruchs- und Bedürfnislosigkeit, um nicht Gefahr zu laufen komplett ohne Bindung dazustehen und somit ohne die lebensnotwendige Bezugsperson.“

Die Folgen als Erwachsene Person

Menschen die solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben sind sehr selbstständig, sie fühlen sich am Wohlsten in der Einsamkeit - auch wenn sie durchaus ein Bedürfnis nach Nähe haben. Der Verzicht auf verbindliche & tiefe Nähe ist ein sehr geringer Preis, gemessen daran, welche Überwindung, welche Emotionen und welche Not und Überforderung mit Nähe einhergeht. Sie verzichten auch nicht gänzlich auf Nähe, eine Mensch der ein hohes Autonomiebedürfnis hat, kann durchaus in einer Beziehung sein, sogar verheiratet sein oder einfach regelmäßige Dates haben. Es geht nicht zwangsläufig um die körperliche Nähe oder das Zusammensein, die oder was ihnen Probleme oder Unwohlsein bereitet, vielmehr ist es die Verbindlichkeit, vor der sie sich scheuen. 

Sie haben Angst sich jemanden so hinzugeben, fallen zu lassen, dass sie anfangen den Anderen zu „brauchen“ oder das sie von jemand Anderem in einem Maße „gebraucht“ werden, welches sie nicht bedienen können. Außerdem ist eine tiefe Verbindung auch deswegen bedrohlich, weil man sich durch und mit dem Anderen verändern könnte und Veränderung ist gleichzusetzen mit Verlust. Kontrolle ist für sie sehr wichtig. Kontrolle aus Mangel an Vertrauen... 

Häufig hören diese Menschen den Vorwurf, dass man nie genau wisse, woran man bei ihnen sei. Das Selbstvertrauen ist sehr gering, allerdings verdeckt, hierdurch signalisieren sie eine vermeintliche innere Zufriedenheit: „Ich reiche mir selbst, auch wenn ich Dir nicht genug bin; das schaffe ich eh nicht.“ 

Diese Resignation zieht sich auch in anderen Bereichen ihres Lebens durch: 

Wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. 

Was soll ich denn tun? Ich habe keine Wahl.

Die Anpassungsbereitschaft ist eher gering, sich anzupassen ist gleichzusetzen damit sich einzuengen und zu verlieren. Sie vermitteln teilweise das Gefühl, nur dann Interesse an Themen zu haben, wenn ihr Interesse auch vorher schon da war oder aber sie helfen können. 

Ihnen ist es - insbesondere in Beziehungen - wichtig selbst die Zügel in der Hand zu halten, wenn sie sehen, dass jemand Hilfe braucht, helfen sie. Wenn sie jedoch das Gefühl haben, sie dürfen nicht selbst und autonom entscheiden, dann ärgern sie sich. Es geht oft gar nicht um die konkreten Dinge, die der Gegenüber fordert, sondern viel mehr darum, wie diese eingefordert werden. 

Ein weiteres Merkmal ist, dass es Ihnen schwer fällt über eigene Probleme oder Themen zu reden, die sie beschäftigen, diese machen sie lieber mit sich selbst aus. Einerseits weil es ja auch oft gar nicht soooo schlimm ist. Andererseits aber auch, weil sie das alleine ja am besten schaffen.

Die Menschen können sich zumindest nach außen, hervorragend von Anderen abgrenzen, nicht immer bedeutet das jedoch, dass es ihnen auch gelingt sich von ihrem womöglich verzerrtem Selbstbild abzugrenzen. Ein Selbstbild des starken, unabhängigem und genügsamen Menschen.

Es fällt Menschen mit einem sehr hohen Bedürfnis nach Autonomie oft schwer Gefühle zu zeigen, weil Emotionen und Gefühle überfordern. Sie haben keine Bewältigungsstrategien erlernen dürfen, wenn sie emotional werden, verlassen sie lieber den Raum, brechen das Gespräch ab, versuchen die Gefühle zu unterbinden. Bevor sie emotional werden, setzt zunächst eine Überforderung ein, sobald die Gefühle sie dann selbst überwältigen sind sie erschrocken oder schämen sich. 

Oft sind sie daher auch mit Emotionen und Gefühlsausbrüchen ihrer Mitmenschen überfordert, lehnen oder werten diese ab, bezeichnen sie als übertrieben, zumindest wenn sie selbst der vermeintliche Auslöser sind oder waren.

Fazit: Es gibt keine eindeutigen Merkmale, weder für sich selbst noch für jemanden der die unsicher-vermeidene Bindung oder desorganisierte Bindung beim Anderen vermutet, denn meist lässt sich ein Merkmal eben nicht von einem konkreten Verhalten ableiten. Grundsätzlich lässt sich häufig eine Resignation beobachten, bevor sie das Opfer sind, ist es lieber egal und halb so wild. Hierdurch wird auch das teilweise ambivalente Verhalten erklärt: 

Etwas ist doof. Geht man darauf ein, wie doof es ist, ist es halb so wild. Und eigentlich ist alles gut. Wenn sie die doofe Situation gemeistert haben, darf durchaus nochmal betont werden, wie doof es tatsächlich war.

Sie reagieren besonders ablehnend auf Ratschläge oder Hinweise und es wirkt fast so, als müssten sie ständig auf der Hut sein, ihr sein zu verteidigen und zu beschützen.

Dennoch gilt: Keine schnellen Rückschlüsse. Jemand der sich eingeengt fühlt, kann sich auch eingeengt fühlen, weil er eingeengt wird. Das Gefühl der Bevormundung können auch sicher oder unsicher-ambivalent gebundene Menschen ablehnen. Und zu Guter Letzt sind beide Bedürfnisse, also sowohl nach Autonomie, als auch nach Nähe in jedem Menschen verankert. In Beziehungen ist es häufig ein Wechselspiel, fühlt man sich sicher, strengt man sich weniger an, ist eher autonom. Ist jedoch der Gegenüber plötzlich sehr autonom, versucht man durch mehr Nähe die Beziehung wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Es gibt Fragebögen und Tests, die helfen können, gleichzeitig habe ich mich bewusst dagegen entschieden denen, im Rahmen dieses Podcasts, groß Beachtung zu schenken, denn Fragen wie „Ich werde nervös bei zu viel Nähe“ oder „Es fällt mir schwer abhängig zu sein“ fehlt aus meiner Sicht die Aussagekraft. Sie dienen vor allem für wissenschaftliche Studien.

Letztendlich ist es übrigens - zumindest in meiner Arbeit - vollkommen egal, ob, warum und wodurch Du unter Deinem, aus Deiner Sicht zu großen Bedürfnis nach Autonomie leidest, denn egal welche Diagnose oder Idee Du mit in die Beratung bringst, die Bedingungen, meine Arbeit und mein Beziehungsangebot konzentriert sich nicht auf Diagnosen, Tests und Übungen, sondern auf Dich, Deine Gedanken & Gefühle.

Eine spannende Äquivalenz, aufgezeigt von Silke Gahleitner in einer Fortbildung, ist dass in der Bindungstheorie und dem personzentrierten Ansatz die Bedingungen nach Ainsworth, Bell und Stayton (1974) für eine sichere Bindung und die Bedingungen von Carl Rogers (1957) für eine gelingende Selbstaktualisierung im Rahmen der Therapie/Beratung nahezu gleich sind:

  • Das hilflose Kind benötigt Zuwendung, eine fürsorgliche und beständige Bindungsperson, die die Bedürfnisse des Kindes wahrnimmt, richtig interpretiert und versteht, sodass das Kind sich sicher fühlt und gesund entwickeln kann.
  • Der Klient mit Leidensdruck benötigt einen kongruenten, authentisch und beständigen Therapeuten, der dem Klienten bedingungslos zugewandt ist und ihn vertieft versteht, sodass der Klient sich sicher fühlt und Selbstaktualierung ermöglicht wird.


Möglichkeiten oder Gedankenanstöße:

Grundsätzlich sind für unerwünschten Muster und Verhaltensweisen korrigierende Erfahrungen unabdingbar. Wenn ich mir aufgrund von Erlebnissen Verhaltensmuster angeeignet habe, die mich schützen sollten, dann werde ich diese Verhaltensmuster, auch dann weiterhin anwenden, wenn die Gefahr vorüber ist.

Ein Kind, das Gewalt erfuhr, wenn es seine Bedürfnisse einforderte, wird vermutlich aufhören Bedürfnisse einzufordern. Später fühlt es sich vielleicht so an, als hätte es ja selbst auch keine. Das ist dann sogar die Steigerung.

Eine korrigierende Erfahrung könnte es sein, dass die Bedürfnisse gestillt werden, wenn ich meine Bedürfnissbefriedigung einfordere, hierfür muss ich mich jedoch erstmal sicher genug fühlen, dies zu tun. Und selbst wenn ich mich mittlerweile sicher fühle, könnte es gar sein, dass ich so überzeugt bin, keinerlei Bedürfnisse zu haben, dass auch hier eine korrigierende Erfahrung ausbleibt.

Zunächst muss ich also verstehen, dass es früher in der Tat eine Gefahr darstellte, wenn ich Bedürfnisse eingefordert habe. Als Kind habe ich lediglich die Gefahr gespürt und diese war real und ja auch scheinbar gerechtfertigt, sodass das gar nicht groß hinterfragt wurde. Vielleicht habe ich es hinterfragt und dann zur Antwort bekommen, dass ich zu anstrengend und nervig bin. Auch diese beiden Gründe - das weiß der Kopf - rechtfertigen nicht die erfahrene Gewalt.

Doch dieser Glaubenssatz: „Ich bin anstrengend und brauche zu viel!“, ist so fest im Herzen und emotional verankert, er muss zunächst verstanden werden. Das Gefühl scheint ja bis heute da zu sein, obwohl der Kopf vielleicht längst weiß, dass ist Quatsch.

Wenn ich nun, aus heutiger Sicht verstehe, woher diese Angst kommt und von wem die Gefahr aus welchem Grund ausging, kann ich diese Angst annehmen. 

Ja, ich habe Angst vor dem Gefühl ausgeliefert zu sein und erniedrigt zu werden. 

Und diese Angst hält mich davon ab, mich zu öffnen oder mir mein Bedürfnis nach Nähe zu erlauben, weil genau das damals der Grund für Erniedrigung und Kontrollverlust war.

Eine solche Erkenntnis kann Dir dann helfen auch Dein Gefühl davon zu überzeugen, dass Du jetzt sicher und nicht mehr in Gefahr bist.

Auch wenn die Nähe damals eine Bedrohung darstellte oder nie wirklich gegeben war, so warst Du aufgrund deiner kindlichen Bedürftigkeit und Abhängigkeit nun mal darauf angewiesen. Mache Dir bewusst, dass Du ja mittlerweile wirklich auf allen Ebenen für Dich sorgen kannst, die vermeintliche Schein-Autonomie Deines inneren Kindes ist zu einer realen Autonomie geworden. Du wirst nie wieder so abhängig werden wie als Kind und kannst die Verbindung jederzeit beenden und Dich lösen.

Und ganz vielleicht schaffst Du es irgendwann einmal, Dich fallen zu lassen, Deinen Emotionen Raum zu geben und ich wünsche Dir, dass dann jemand da ist, der Dich aushält und Du auch diese Erfahrung korrigieren darfst, Du bist nicht anstrengend, Du bist nicht falsch, Du bist nicht Böse, Du bist nicht verschlossen oder egoistisch, Du bist menschlich und das ist wunderschön.

Das war jetzt ein Beispiel, dass sich auf Gewalterfahrungen bezieht und diese sicherlich nicht allumfassend ist.

Der Weg ist jedoch immer ähnlich:

Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden abgelehnt. Diese Ablehnung ist meist deutlich stärker als bei Aspekten die wir jetzt zwar nicht toll finden, die aber dennoch zum Selbstkonzept passen:

Daniel lehnt sein Bedürfnis nach Nähe ab und reagiert mit starker Ablehnung gegen Andere, die Nähe verlangen, eigentlich - so die Theorie - richtet sich seine Ablehnung nicht gegen die Frau an seiner Seite, sondern gegen sich Selbst und sein Selbstkonzept. Die Tatsache, dass er dadurch verletzt, findet er jetzt auch nicht so super, das ist jedoch nicht so schlimm und darf ins Selbstkonzept. 

Man sagt nicht umsonst, wenn jemand sich unverhältnismäßig stark gegen etwas wehrt, dass man wohl einen wunden Punkt getroffen habe.

Stellt man das jedoch zur Verfügung, wird die Ablehnung nur noch größer. Genau daher ist es so wichtig, sich selbst zu verstehen, vertieft zu verstehen, woher diese Angst vor Nähe kommt. Das gelingt jedoch nur, wenn man sich sicher fühlt und eben nicht dafür abgewertet wird. Ansonsten greifen Rechtfertigung und Schutzmechanismen die, diesen Prozess des Verstehens abblocken. 

In der Personzentrierten Beratung, darf alles sein. Wir glauben, dass der Mensch im Kern gut ist und in der Lage ist, sich selbst zu aktualisieren, sofern er eben diesen sicheren Raum aus bedingungsloser positiver Zuwendung, einer echten Beziehung und vertieftem Verstehen bekommt. 

Daniel musste sich bei mir nicht rechtfertigen, warum er sich danach sehnt autonom zu sein und konnte sich öffnen. Etwas, dass er sich eigentlich verbietet, denn wenn er sich öffnet, wir er angreifbar. Gleichzeitig wird er so auch weiterhin nicht verstanden, Menschen werden ihm mit der selben Oberflächlichkeit begegnen, wie er es tut und wundert sich, dass die Menschen so oberflächlich sind, fühlt sich darin jedoch auch bestätigt.

Wenn er einen Raum bekommt, in dem er sich sicher fühlt und nicht zu befürchten hat, dass man versucht ihn zu ändern, egal ob in einer professionellen Beratung oder woanders, gelingt es ihm sein Bedürfnis nach Nähe da sein zu lassen, er versteht, akzeptiert und darf dieses Bedürfnis in sein Selbstkonzept integrieren. 


Korrigierende Erfahrungen werden möglich.




 
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